Freitag, 22. Januar 2016

Der Keller ohne Identität

Liebe Leser,

der letzte Artikel ist schon ein paar Monate her und er sollte eigentlich der Anfang einer Reihe von Artikeln sein, in denen ich über meine Erlebnisse und Erfahrungen in Japan schreibe. Daraus ist so wie es scheint wohl leider nichts geworden. Gründe dafür gibt es viele, aber untätig war ich seit des letztens Artikels trotzdem nicht. Ich führe eine Art Tagebuch, in das ich alle 3 bis 4 Tage ein wenig meine Gedanken kritzel und zudem existiert auch eine Art Fototagebuch, da es so gut wie zu jedem Tag irgendwelche Bilder gibt. Auch wenn ich meine Gedanken und Aktivitäten gut aufzeichne, so möchte ich in Zukunft doch auch hier wieder ein wenig aktiver werden und meine Gedanken in schriftlicher Form mit euch teilen. Ob nach diesem Artikel hier wieder knapp 4 Monate nichts kommt, weiß ich nicht, aber ich bemühe mich den Abstand zum nächsten Artikel kürzer zu halten.



Momentan beschäftige ich mich viel mit mir selbst und den Menschen und Dingen, die mich so umgeben. Eine Sache, auf die ich gestern gestoßen bin und die mich Heute auch wieder gedanklich durch den Tag begleitet hat, ist die, dass man ab einem bestimmten Punkt einfach nicht mehr zurückkommt, wenn man versucht seine eigenen Illusionen des Ichs zu zerschlagen. Wahrscheinlich wissen viele nicht, was ich jetzt damit meine oder sagen will, aber ich will versuchen es zu erklären.

Eine der größten Gründe für mich ein Auslandsjahr zu machen, war es einfach mal aus Deutschland und meiner gewohnten Umgebung herauszukommen. Bisher habe ich 98% meiner Lebenszeit in Düsseldorf verbracht. Dort hatte ich meinen Alltag und alles war durchspickt mit Routinen. Es gab wenig Möglichkeiten für mich mein Umfeld und die Gewohnheiten, die ich etabliert hatte mal von außen zu betrachten, auch wenn ich mich immer darum bemüht habe. Jetzt hier in Japan ist das wesentlich einfacher. Durch die andere Kultur und die teils vollkommen verschiedenen Gewohnheiten, die die Japaner haben, merke ich, welche Gewohnheiten ich in Deutschland verfolgt habe und welchen Einfluss diese auf mein Denken und mich selbst hatten.

Mir ist schon als ich mit dem Studium der japanischen Sprache und Kultur in Düsseldorf begonnen habe aufgefallen, dass das Konzept der Identität eines ist, dass irgendwie komisch ist und nicht so recht eines sein kann, dass einen zu seinem wahren Selbst führt. Bis kurz vor dem Abitur wollte ich Physiker werden und habe meine Identität darauf aufgebaut. Natürlich hat mich die Physik interessiert und sie interessiert mich auch heute noch, aber mir wurde dann klar, dass Physik nicht wirklich das ist, was ich später einmal als Beruf ausüben möchte und dass das Studium der Physik auch nicht das ist, was ich machen möchte. Ich habe gemerkt, dass das was mich im inneren wirklich berührt der Kontakt zu anderen Menschen ist und die Interaktion mit diesen. In der Schule hatte ich zwar Freunde, aber gerade die letzten Jahre meiner Schulzeit waren eher düster, was Kontakte zu anderen Menschen anging. Mein Sozialleben hatte ich zunehmend ins Internet bzw. zu YouTube verlagert. Um den Menschen näher zu kommen, habe ich dann angefangen Japanisch zu studieren, da mit dem Erlernen einer Sprache der Kontakt zu anderen Menschen automatisch einhergeht. Man lernt die Sprache ja gerade, um sich mit anderen Menschen verständigen zu können.

Ab diesem Punkt habe ich mit meiner bisherigen Identität (Die des Wissenschaftlers und Physikers) zum ersten mal richtig gebrochen und seitdem geht es Wellenartig auf und ab, habe ich so das Gefühl. Gerade in den letzten Wochen, merke ich, dass ich von vielem Abstand genommen habe, was mich früher total fasziniert hat. So spiele ich absolut keine Spiele mehr, schaue kaum noch Serien oder Animes und habe auch keinen Spaß mehr daran mir CD's von irgendwelchen Sängern zu kaufen. Warum das so ist, weiß ich auch. Ich habe festgestellt, dass es mich nicht glücklich macht und ich nur versuche durch diese Tätigkeiten meine Zeit totzuschlagen und nicht denken zu müssen. Man versucht die Probleme, die man doch irgendwo in sich trägt zu überspielen und durch all den Konsum einen kurzzeitigen Zustand von Kohärenz im Gehirn zu erreichen. Das funktioniert auch für einen gewissen Zeitraum, aber irgendwann kommen die Probleme eben doch wieder durch und man muss sich ihnen stellen.

Seitdem ich diesen Mechanismus der Ersatzbefriedigungen verstanden habe und auch verstanden habe, dass viele Menschen einfach nur ihren Identitäten, die sie von anderen bekommen haben oder sich selbst gegeben haben hinterherrennen, aber nicht wirklich das verkörpern, was sie in sich wirklich sind, ist es schwierig für mich herauszufinden wo denn nun mein Platz in der Welt ist. Natürlich könnte ich immer noch Physiker werden, ich könnte auch weiter richtig heftig Japanisch lernen und damit irgendwas machen oder in die Wirtschaft gehen, aber das Problem ist, dass ich weiß, dass das nicht die Dinge sind, die mit dem im Einklang sind, was ich als Mensch wirklich bin. Tief in mir drinnen möchte ich anderen Menschen helfen und zusammen mit anderen Menschen etwas gutes tun. Das Streben danach der Beste in etwas zu sein oder etwas am Besten von allen zu können ist auch vollkommen weggefallen, da es einfach überhaupt keinen Sinn ergibt. Was bringt es einem, wenn man sich über alle anderen stellt und der Beste in etwas ist? Viel lieber möchte ich mich mit anderen Leuten dafür einsetzen, dass es mehr Menschen auf dieser Welt besser geht und einfach einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Welt zu einem angenehmeren Ort für mehr Menschen zu machen.

Das Problem was ich aber nun habe, ist, dass wenn man sich einmal darüber klar geworden ist, wie viel in seinem Leben bisher eigentlich nur auf Identitäten aufgebaut war, die nicht mit dem im Einklang stehen, was man wirklich ist, dann fühlt man sich so ziemlich alleine im dunklen Keller stehen gelassen. Über die ganzen Gedanken kann man ja auch so gut wie mit keinem Reden, weil die meisten Menschen in ihren Gewohnheiten und Identitäten feststecken. Da beschäftigt sich keiner mit den Neurowissenschaften und den Mechanismen dahinter. Wie ich nun aus dem Keller wieder rauskommen soll, weiß ich aber auch noch nicht so ganz, da ich einfach noch nicht so ganz verstanden habe, wie ich das Wissen, was ich mir angeeignet habe nun in Handlungen umsetzen soll.

Auch wenn ich momentan viel mit mir selbst kämpfe, so glaube ich, dass es eine wichtige Sache ist jetzt durch diesen Prozess zu gehen und nicht erst, wenn ich schon gut 20 bis 30 Jahre älter bin und mir dann auffällt, dass mein ganzes Leben im Grunde eine Illusion war. Auch möchte ich meine Probleme nicht mit Alkohol, Konsum oder sonstigen Drogen beiseite schieben, aber da brauche ich mir wohl keine Sorgen mehr drum machen, da es bereits jetzt nicht mehr funktioniert. Wenn ich versuche mich durch diese Dinge irgendwie abzulenken, macht es mir einfach überhaupt keinen Spaß und ich merke sozusagen, dass ich mich selbst austricksen will und eben weil ich das bemerke funktioniert es ist mehr.

Viele werden wahrscheinlich nur die Hälfte verstanden haben und ich muss auch zugeben, dass ich nur die Hälfte erklärt habe und viele viele Dinge übersprungen habe. Das habe ich zum einen aus Zeitgründen gemacht und zum anderen auch deswegen, weil ich mit diesem Artikel die Leute ansprechen möchte, denen es vielleicht ähnlich geht und die ähnliche Erkenntnisse gesammelt haben und deswegen die Lücken füllen können. Falls es irgendjemanden gibt, der in einer ähnlichen Situation hängt oder vielleicht schon herausgefunden hat, wie man das alles am schlausten löst, dann schreibt doch einfach mal eine Nachricht!

Ich hoffe, dass es für all die anderen dennoch interessant war und in Zukunft werde ich mich auch daran versuchen das Wissen, was ich angesammelt habe Stück für Stück zur Verfügung zu stellen und mich euch zu teilen, sodass ihr euch eure eigenen Gedanken machen könnt und vielleicht was für euch mitnehmen könnt.

Kommentare:

  1. Hallo Hohenheimu!
    In deinem Artikel hast du angemerkt, dass man dir eine Nachricht schreiben soll, falls es einem mit der ganzen Sache ähnlich ergeht. Ich verfolge deine Aktivitäten im Internet bestimmt schon länger als 3 Jahre und würde dich gerne kontaktieren. Auf welcher Plattform sollte ich dir die Nachricht am besten schreiben?

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    1. Hallo Cedric,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Schreibe mir am Besten einfach auf YouTube eine Nachricht :)

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    2. Hallo Kevin,

      Ich habe deinen Eintrag jetzt nun zwei mal gelesen und bin zu dem Entschluss gekommen, dir jetzt doch meine Meinung aufs Auge zu drücken ;) .

      Ich kann sehr gut nachvollziehen wie du dich fühlst, ich beschäftige mich, seit nun fast 4 Jahren, mit den Themen "Persönlichkeitsentwicklung" und "reich werden".

      Es sind beides Themen über die ich nicht mit vielen Menschen in meinem realen Umfeld reden kann, da sich einige nicht für diese Themen interessieren...

      ...soviel zu meiner Person.

      Aber eigentlich geht es mir darum, dir Mut zu machen und dir eine kleine Hilfestellung zu geben (nicht weil ich denke das du eine solche nötig hast, sondern weil du mich in der Vergangenheit durch deine Youtube-Videos etc. oft inspiriert, zum nachdanken gebracht und in Aggressionen getrieben hast, wenn ich mal nicht deiner Meinung war...soll heißen, ich möchte einfach etwas zurück geben. Dich vielleicht inspirieren oder dich davor bewahren den selben Fehler zu machen, den ich gemacht habe, nämlich in diesem Keller zu lange zu verweilen... ich hoffe du nimmst meine Gedanken an)

      Auch ich befand mich in einem solchen Keller .
      Ich kann dir nicht genau sagen was du tun musst um aus diesem Keller wieder heraus zu kommen, dein glück dass die Antwort darauf in dir liegt.
      Ein weiteres Glück ist dass es unzählige Ausgänge aus diesem Keller gibt, auch wenn du dir felsenfest sicher bist was du aus deinem leben machen möchtest.
      Deshalb fällt es dir wahrscheinlich auch so schwer dich aus diesem Keller hinaus zu bewegen, da du nicht genau weist was du tun sollst...Bzw. welche Tür du nehmen sollst, so ging es mir zumindest.

      Ich habe einmal eine andere Metapher gehört die, meiner Meinung nach, deinen Keller sehr gut ergänzt.

      "Wir gehen eine Straße entlang und können nicht den ganzen Verlauf dieser Straße überblicken, da Sie zu kurvenreich ist... und genau deshalb ist es so wichtig immer weiter zu gehen und niemals stehen zu bleiben, selbst wenn wir nicht sehen wohin wir gehen, denn ansonsten werden wir niemals sehen was hinter der nächsten Kurve wartet.

      Nimm einfach irgendeine Tür, welche dir zum jetzigen Zeitpunkt richtig erscheint, es lohnt sich.

      Du bist, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen, die Treppe hinunter zum Keller gegangen und hast Ihn sogar betreten...

      Jetzt zu zaudern und zu hadern, im keller stehen und sitzen zu bleiben würde deinen bisherigen Bemühungen nicht gerecht werden.

      Ich hoffe ich konnte dein Denken bereichern und habe dir nicht deine Zeit gestohlen.
      Und wünsche dir noch einen schönen Tag.

      Mit freundlichen Grüßen

      André

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    3. Hallo FunnyMassaka,

      vielen Dank für deinen langen und ausführlichen Kommentar! Er hat mir auf jeden Fall geholfen, weil er mich an etwas erinnert hat, was ich schon wieder vergessen hatte, aber dennoch steht noch ein weiter Weg vor mir.

      Es ist im Übrigen nicht so, dass ich depressiv oder sonstiges bin, sondern im Gegenteil bin ich eigentlich recht positiv eingestellt, zumindest 6 von 7 Tagen der Woche und das ist schon mal eine ganz gute Bilanz, denke ich.

      Dennoch steht noch ein weiter weg vor mir und ich freue mich darauf ihn zu beschreiten :)

      Vielen Dank!

      Liebe Grüße
      Kevin

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  2. Hey Kevin, falls du wieder aus Japan zurück kommst, kann man dann dich persönlich mal treffen und mit dir darüber philosophieren? Das würde mich wirklich mal interessieren. MfG, 'David Krings.

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    1. Hallo David,

      ich denke, dass sich da auf verschiedenen Events mit Sicherheit eine Möglichkeit ergeben wird :)

      Liebe Grüße
      Kevin

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  3. Das kommt natürlich darauf an, wie du Glück/Koharänz definierst.

    Nenn' mich manisch depressiv, aber "Glücksschübe", in denen ich im das Dopamin sprudeln spüre, habe ich nur sehr selten. Daher würde ich grundsätzlich "Glück" eher als "Zufriedensein mit den Umständen" bezeichnen. Zufrieden sein auch nicht so sehr, dass eine vollständige Koharänz herrschen muss, denn ein wenig ist ja immer anders als man es will - was ja auch berechtigt ist, da es Quelle von Motivation ist. Zufrieden sein eher in dem Sinne, dass ich mich für die Aktionen, die mich "glücklich" machen, nicht motivieren muss.

    Ich würde also "Spaß" an einer Handlung haben dadurch definieren, dass ich diese ohne weiteren Ansporn ausführen kann (-> Hobbies, entspannen, mein Studienfach, ...).
    Vielleicht hilft dir das weiter :)

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